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17 JAHRE!

Es waren spannende Jahre...

Die ganze Stadt im Blick
Altona weiter vorn

Gabi Dobusch

Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft von 2008 bis 2025

Gewalt gegen Frauen

Aktualisiert: 30.01.2012

Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg - 19. Wahlperiode - 15. Sitzung am 19. November 2008

Frau Pr­äsid­ent­in, mei­ne Da­men und Her­ren! Ich kom­me zu sp­äter Stun­de zu ei­nem et­was hef­ti­ge­ren The­ma, zum The­ma Ge­walt ge­gen Frau­en. Ge­walt ge­gen Frau­en ist welt­weit ein Pro­b­lem. Tägl­ich er­fah­ren Frau­en und Mädc­hen Ge­walt, auch in un­se­rer west­li­chen, ach so zi­vi­li­sier­ten Ge­sell­schaft, auch in Deut­sch­land, auch in die­ser Stadt. Die­se Ge­walt nimmt un­ter­schied­li­che For­men an: Über­grif­fe auf die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung der Frau­en, Geni­tal­verstümmelu­ng, Miss­brauch, Ver­ge­wal­ti­gun­gen, künstliche Jung­fern­häutc­hen ei­ner­seits, psy­chi­sche Ge­walt wie Dro­hun­gen, Mob­bing, Stal­king an­de­rer­seits und nicht zu­letzt körpe­rli­che Ge­walt wie Schläge, Trit­te, Mor­de, wo­bei der Mord manch­mal auch als Tot­schlag durch­geht, wie wir ge­ra­de wie­der mit­be­kom­men ha­ben.
Die Zahl die­ser Über­grif­fe liegt auch in Ham­burg auf gleich­b­lei­bend ho­hem Ni­veau. In Ham­burg wa­ren es in 2007 über 12 000 Frau­en, die Ro­heits­de­lik­ten zum Op­fer fie­len, 30 Frau­en, de­nen nach dem Le­ben ge­trach­tet wur­de, knapp 1200 Frau­en, ge­gen de­ren se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung ge­han­delt wur­de, et­wa 8000 weib­li­che Op­fer von Ge­walt­ta­ten und 1900 Frau­en, die be­droht wur­den. Von ei­ner ho­hen Dun­kel­zif­fer ist eben­falls aus­zu­ge­hen. Mei­ne Da­men und Her­ren! Bei die­ser Ge­walt ge­gen Frau­en han­delt es sich überwieg­end um häusl­ic­he Ge­walt. Die Täter sind in den meis­ten Fäll­en die Be­zie­hung­s­part­ner der Frau­en und es han­delt sich bei den Tätern sehr häuf­ig um Mehr­facht­äter. Un­ter den be­trof­fe­nen Frau­en sind zwar überprop­ort­ion­al vie­le Mi­gran­tin­nen, aber das Pro­b­lem be­schränkt sich kei­nes­wegs nur auf die­se Grup­pe. Da würden ­wir uns et­was vor­ma­chen, wenn wir das glaub­ten.
Mir ist es wich­tig her­vor­zu­he­ben, dass die ge­sund­heit­li­chen Fol­gen der Ge­wal­t­er­fah­rung für die be­trof­fe­nen Frau­en er­heb­lich sind. Sie ha­ben bei­spiels­wei­se ein höheres Ri­si­ko für Such­terk­r­an­kung­en, für selb­stverl­etz­end­es Ver­hal­ten und für Essstörung­en. Die Fol­gen der Ge­walt sind al­so tief­g­rei­fend und können sich über einen lan­gen Lei­dens­zei­traum er­st­re­cken.
Nun wur­den in den letz­ten Jah­ren auch in Ham­burg ei­ni­ge An­st­ren­gun­gen un­ter­nom­men, die Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern. Tat­sa­che ist aber auch – das ha­ben uns die Me­di­en­be­rich­te der letz­ten Wo­chen und Mo­na­te über dram­ati­sc­he Fälle von Ge­walt ge­gen Frau­en in Ham­burg dras­tisch vor Au­gen geführt –, dass das Pro­b­lem un­ge­bro­chen wei­ter be­steht. Sch­lim­mer noch: Fast al­len Fäll­en war ge­mein­sam, dass sich die Frau­en an die Po­li­zei ge­wandt ha­ben. Sie ha­ben sich an Hil­fe­ein­rich­tun­gen die­ser Stadt ge­wandt, ha­ben Un­terstützung ge­sucht und auch ge­fun­den. Sie wur­den aber letzt­end­lich nicht geschützt, s­ie konn­ten nicht geschützt we­rden. Das aber ist ein ab­so­lut fa­ta­les Si­g­nal an die Frau­en, die Ge­walt er­lei­den. Nur wenn sie auf wirk­sa­men Schutz und Hil­fe ver­trau­en können, wer­den sie sich überhaupt wa­gen, sich an die ent­sp­re­chen­den Stel­len zu wen­den. Das ist das, was uns al­le Er­fah­rungs­be­rich­te sa­gen und das ist auch das, was uns die Wis­sen­schaft mit­gibt. (Bei­fall bei der SPD und bei Kers­ten Ar­tus DIE LIN­KE) Hier ist es al­so drin­gend er­for­der­lich, dass der Se­nat ein Zei­chen setzt. Es muss ein Zei­chen sein, das ei­ner­seits den Frau­en si­g­na­li­siert, wir neh­men eu­re Ängs­te ernst und ver­bes­sern wei­ter die Ma­ßnah­men, da­mit wir euch in Zu­kunft wirk­sa­mer schützen ­können als wir das bis­her tun konn­ten, und es muss gleich­zei­tig ein Si­g­nal sein, das den Tätern recht­zei­tig, näml­ich be­vor die Ta­ten es­ka­lie­ren, si­g­na­li­siert: Stopp, die­se Stadt to­le­riert kei­ne Ge­walt ge­gen Frau­en.
(Bei­fall bei der SPD, der Lin­ken und ve­r­ein­zelt bei der GAL und Ka­ren Ko­op CDU) Ich war in der letz­ten Wo­che auf ei­ner so­zio­lo­gi­schen Fach­ver­an­stal­tung.

Da hieß es: Nur die Po­li­tik kann der Bru­ta­li­sie­rung der Ge­sell­schaft ent­ge­gen­wir­ken. Ich weiß ­nicht, ob das wir­k­lich wahr ist und wir tat­sächl­ich die Ein­zi­gen sind. Ei­gent­lich wäre das bit­ter. Auf je­den Fall soll­ten wir aber al­les ver­su­chen, was in un­se­rer Macht steht, um die­sem zu­ge­ge­ben sehr ho­hen An­spruch ge­recht zu wer­den. Im Fal­le von Ge­walt ge­gen Frau­en ha­ben wir es nicht mit in­di­vi­du­el­len Ta­ten mit ir­gend­ei­ner un­be­deu­ten­den Un­ter­spiel­art von Ge­walt zu tun, son­dern mit ei­nem Ph­änom­en, das sich durch al­le Grup­pen der Ge­sell­schaft hin­durch­zieht und das in star­kem Zu­sam­men­hang mit pa­tri­ar­cha­len Struk­tu­ren, Do­mi­nanz­ge­ba­ren und dem Be­ru­fen auf überkomm­ene Tra­di­tio­nen und Rol­len­verständn­iss­en steht. Ei­ne Ten­denz von zu­neh­men­der Bru­ta­li­sie­rung auch in un­se­rer Stadt könnte ich schon er­ken­nen. In ei­ner Stu­die war übrigens von pa­tri­ar­cha­lem Ter­r­o­ris­mus die Re­de. Das ist die Form, die am häuf­igst­en es­ka­liert und dann wir­k­lich mit To­des­fol­ge en­den kann. Dem­ent­sp­re­chend ist die­sen Ge­walt­ta­ten auch nicht mit in­di­vi­du­el­len Ma­ßnah­men zu be­geg­nen, nicht mit si­tua­ti­ven Ant­wor­ten bei­zu­kom­men.
Fa­tal wäre es auch, das Pro­b­lem auf Männ­er mit Mi­g­ra­ti­ons­hin­ter­grund oder – noch sch­lim­mer – auf An­geh­örige be­stimm­ter Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zu ve­r­en­gen. Was wir viel­mehr brau­chen, ist ein brei­tes Bündnis un­ter Ein­be­zie­hung al­ler Gen­der­kom­pe­tenz, die es vi­el­leicht in den Behörden noch gibt, um lang­fris­tig den vie­len Frau­en in die­ser Stadt – den­ken Sie da­ran, je­de vier­te Frau wur­de be­reits Op­fer von Ge­walt – zu dem glei­chen Recht auf Le­ben, Si­cher­heit, Frei­heit, Würde s­owie körpe­rli­che und see­li­sche Un­ver­sehrt­heit zu ver­hel­fen wie den Männ­ern in die­ser Stadt. Das wäre ge­recht.
(Bei­fall bei der SPD) Mei­ne Da­men und Her­ren! Die Ver­let­zung die­ser Rech­te darf nicht to­le­riert wer­den. Wir als Bürgers­cha­ft und die­ser Se­nat können die­ses nicht dul­den. Am 25. No­vem­ber ist der in­ter­na­tio­na­le Tag ge­gen die Ge­walt an Frau­en. Das müsste ­a­us un­se­rer Sicht ein An­lass sein, um ein Si­g­nal zu set­zen.
Die Ant­wort des Se­nats auf un­se­re An­fra­ge enthält Hin­wei­se auf neue Ak­ti­vit­äten und Mögli­chke­iten, den Schutz der Frau­en vor Ge­walt zu ver­bes­sern. Es gibt aber Fra­gen, mit de­nen wir uns im So­zia­lund Gleich­stel­lungs­aus­schuss noch ein­mal in­ten­si­ver be­fas­sen soll­ten. Hier­zu gehört ­aus mei­ner Sicht, was wir zur Bekämpf­ung von Ma­chis­mo und frau­en­feind­li­chen Hal­tun­gen bei jun­gen Männ­ern tun können und wie wir im In­ter­es­se der Op­fer die Täter bes­ser und kon­zen­trier­ter als bis­her er­rei­chen können. Es gibt hier Hand­lungs­be­darf und der Se­nat ist auch in der Pf­licht, hier zu han­deln. (Bei­fall bei der SPD) Nur ei­ne Bun­des­rats­in­i­tia­ti­ve zu un­terstützen ­reic­ht da nicht aus. Im Mo­ment kann der Se­nat noch nicht ein­mal sa­gen, wie vie­le Täter zu An­ti-Agres­si­ons­trai­nings oder ver­g­leich­ba­ren de­es­ka­lie­ren­den Ma­ßnah­men überhaupt verpf­lich­tet wur­den. Das kann so nicht wei­ter­ge­hen.
(Bei­fall bei der SPD und bei Eli­sa­beth Baum DIE LIN­KE) Wir be­an­tra­gen da­her die Über­wei­sung der Gro­ßen An­fra­ge an den So­zial- und Gleich­stel­lungs­aus­schuss. Mei­ne Da­men und Her­ren, ich for­de­re Sie wir­k­lich ein­dring­lich auf, sich dem nicht zu ver­wei­gern. Wenn Sie mei­nen, dass es hier­zu kei­nen Be­ra­tungs­be­darf mehr gibt, set­zen Sie ein ganz und gar fal­sches Zei­chen und ich fin­de, auch ein fa­ta­les Zei­chen. – Dan­ke.
(Bei­fall bei der SPD und der LIN­KEN)



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